Einblicke

Halbgötter in Schwarz: Der Nobelpreis für eine Austreibung des Teufels mit dem Satan

Stefan Ungricht

«Devant la glace de ma cabine, à la douche, quel émaciement! Le drôle de petit vieux que je suis tout à coup devenu. La douche. Voisins de cabine: petit Espagnol, général russe. Maigreurs, regards fiévreux, épaules étriquées. Dans ma carcasse creusée, vidée par l’anémie, la douleur retentit comme la voix dans un logis sans meubles ni tentures. La suspension. Appareil de Seyre. Le Russe qu’on pend assis. Je reste jusqu’à quatre minutes en l’air, dont deux soutenu seulement par la mâchoire. Douleur aux dents. Puis, en descendant, quand on me détache, horrible malaise dans la région dorsale et dans la nuque, comme si toute ma moelle se fondait. Treize suspensions. Puis crachements de sang. Tout fuit.»

Japaner nannten sie die Chinesenkrankheit. Perser nannten sie die Türkenkrankheit. Türken nannten sie die Christenkrankheit. Und Franzosenkrankheit nannten wir die durch Geschlechtsverkehr übertragbare Erkrankung, deren Name noch heute Bilder des ausschweifenden, unsittlichen Lebensstils der Bohème heraufbeschwört – Syphilis. Berühmte syphilitische Franzosen gab es einige: Baudelaire, Flaubert, Manet und Maupassant. Aber wohl keiner dieser kulturellen Ikonen hat die Schrecken der heimtückischen Neurosyphilis beschrieben wie Alphonse Daudet. Knapp hundert Seiten fragmentarische Notizen als Destillat der Agonie; zu Papier gebracht in Kliniken, Kurorten und Sanatorien – in der privaten Hölle des Siechtums.

Reise ohne Rückkehr ins Land der Schmerzen

Im Alter von siebzehn Jahren hatte er sich infiziert und unterzog sich einer Quecksilberbehandlung, der eine lange Latenzzeit folgte, bevor dann das gefürchtete Endstadium der Krankheit begann. Und dieses offenbarte sich für Daudet als Schrecken ohne Ende. Erst nach fünfzehn Jahren der langsam fortschreitenden Zerstörung des zentralen Nervensystems und nach zahllosen Dosen von Bromid, Chloral, Opium und Morphium wurde er schliesslich 1897 von seinen Leiden erlöst – fünfzehn Jahre nachdem er seiner Frau versprach, sich vor dem Ende nicht selbst umzubringen. Eine Heilung der Krankheit sollte erst 1917, zwanzig Jahre nach seinem Tod, möglich werden.

Heute vor hundert Jahren also setzte der österreichische Psychiater Julius Wagner eine ausserordentlich gewagte Idee in die Tat um. Eine Idee, die er zu diesem Zeitpunkt bereits dreissig Jahre lang mit sich herumgetragen hatte. Eine Idee, die wahrlich diabolisch klingt. Die Bekämpfung des Syphilis-Bakteriums Treponema sollte durch eine absichtliche Infektion des Patienten mit dem Malaria-Pathogen Plasmodium erfolgen. Dieser Vorsatz war nicht so abenteuerlich, wie er anmuten mag. Die Absicht war vielmehr denkbar einfach. Das wärmeempfindliche Bakterium sollte durch die induzierten Malaria-Fieberschübe besiegt werden. Der praktische Versuch einer derartigen Pyrotherapie an einem Patienten endete nicht – wie dies wohl heute geschehen würde – mit einem gerichtlichen Nachspiel wegen Verletzung der ärztlichen Sorgfaltspflichten sondern vielmehr bereits zehn Jahre später mit der Verleihung des Nobelpreises für Medizin.

Alkohol, Sex und Rassenhygiene

Während in Wien Julius Wagner wirkte, war in Zürich sein um neun Jahre älterer Berufskollege Auguste Forel daran, das Fach der Psychiatrie an der Universität zu verankern. So war er 1879 zum Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik – im Volksmund und von Forel kurz «Burghölzli» genannt – ernannt worden. Mit einem messianischen Arbeitseifer hatte er sich gleich mehrerer grosser Themen angenommen, die ihn ein Leben lang begleiten sollten. Seine ameisenhafte lateinische Devise, welche er als Ex Libris in seine Bücher klebte, lautete übersetzt «Arbeit besiegt alles!». Forel war denn auch eine ausserordentlich gebildete, facettenreiche und in manchen Belangen fortschrittliche Persönlichkeit. Vorkämpfer für das Frauenstimmrecht, Sozialreformer, Antikapitalist, Ameisenforscher, Abstinenzler, Guttempler, Esperantist, Pazifist, Hirnforscher, Monist, Hypnotiseur und Sexologe waren nur einige seiner tief empfundenen Berufungen.

Unter dem Professor fand in Zürich aber auch eine ebenso einflussreiche wie verhängnisvolle Verknüpfung von Krankheit, Sittlichkeit und Vererbbarkeit statt. Mit statistischen Methoden untersuchte seine Studentin Jenny Koller die erbliche Belastung von Geisteskranken im Kanton Zürich. Die Studie aus dem Jahr 1895 wurde weltweit, so auch in Wien von Julius Wagner, als Argument für die Eugenik aufgenommen, deren Ziel darin bestand, Personen mit nachteiligen hereditären Merkmalen von der Fortpflanzung auszuschliessen. Und von da war es nur noch ein kleiner Schritt zur Befürwortung der Euthanasie. Oder wie es Forel dann 1903 in seinem Eugenik-Manifest Hygiene der Nerven und des Geistes formulierte: «Früher, in der guten alten Zeit, machte man mit unfähigen, ungenügenden Menschen kürzeren Prozess als heute. Eine ungeheure Zahl pathologischer Gehirne, die […] die Gesellschaft schädigten, wurden kurz und bündig hingerichtet, gehängt oder geköpft, der Prozess war kurz und insofern erfolgreich, als die Leute sich nicht weiter vermehren und die Gesellschaft mit ihren entarteten Keimen nicht weiter verpesten konnten. […] Unser missverstandener heutiger Humanitarismus pflegt dagegen sorgfältig diese ganze Brut auf Privat- und Staatskosten und lässt sie weidlich heiraten und sich vermehren, während die gesündesten, normalsten und kräftigsten Menschen als Kanonenfutter in den Krieg spediert werden. […] Ist es da zu verwundern, wenn die Produkte einer so verkehrten Zuchtwahl als soziale Schädlinge grell zu Tage treten?»°

Syphilis und Sisyphus

Die letzte Zwangskastration wurde in der Schweiz 1987 durchgeführt. Vokabular und Zeitgeist haben sich inzwischen stark verändert. Die Rassenhygiene existiert nicht mehr. Die daraus entstandene Disziplin wird heute Humangenetik genannt. Insbesondere die grossen technologischen Fortschritte wie etwa die Präimplantationsdiagnostik rücken zwar die abzuschätzenden Folgen solcher Methoden nun zunehmend ins Scheinwerferlicht, aber Naturwissenschaftler und Mediziner mit erfolgreichen Karrieren an Universitäten und Hochschulspitälern treten nur mehr selten mit potentiell kontroversen, karriereschädlichen Ansichten zu den mit ihrer Forschung verbundenen gesellschaftlichen Fragen in Erscheinung. Vielmehr wird die Teilhabe am wissenschaftlichen Konsensus angestrebt. Und seit einigen Jahrzehnten hat zudem die politische Korrektheit insbesondere die Vereinigten Staaten fest im Griff. Die Fallhöhe für Akademiker, die sich aus Naivität oder Überheblichkeit nicht danach richten, ist beträchtlich. Vor zehn Jahren sagte der streitbare amerikanische Molekularbiologe James Watson – seines Zeichens Entdecker der Doppelhelix-DNA-Struktur mit dem doppeldeutigen Lebensmotto «Avoid boring people!» und 35 Jahre nach Julius Wagner Nobelpreisträger für Medizin – in einem Zeitungsinterview, dass Schwarze statistisch signifikant weniger intelligent als Weisse seien, und dass darum realistischerweise die Zukunftsaussichten für den afrikanischen Kontinent im globalen Wettstreit um Innovation und Fortschritt wohl als ungünstig zu bewerten sind. Der Nobelpreisträger sah mindestens seine eigene Zukunft offenbar nicht voraus und wurde umgehend von seinen akademischen Beratungs- und Führungsmandaten freigestellt. Wie auch immer die langfristige Zukunft des Schwarzen Kontinentes aussehen mag, die Gegenwart zeigt, dass eine ganz bestimmte, längst bekannte Geissel der Afrikaner noch immer nicht besiegt ist – die Malaria.

Vor zweihundert Jahren hat der Vater der Zweiflüglerkunde, der deutsche Dipterologe Johann Wilhelm Meigen, die wissenschaftliche Beschreibung der Fiebermücke unter dem Gattungsnamen Anopheles (gr. nutzlos, schädlich) veröffentlicht. Gegenwärtig sind in dieser grossen und taxonomisch komplexen Stechmücken-Gattung über 400 Arten bekannt. Darunter kommen mehrere auch in der Schweiz vor. Aus diesem Taxon rekrutieren sich alle bekannten Überträger des Plasmodium-Pathogens der Malaria. Es mag heute überraschen, dass die Krankheit früher auch in nördlichen Gebieten der Erde weitverbreitet war. In Schweden etwa wurden noch 1861 fast 10’000 Fälle registriert. Heute verschleppen in erster Linie Touristen und Migranten die Krankheit (und damit den Erreger) aus den Tropen in unsere Breiten. In der Schweiz werden gegenwärtig jährlich mehrere Hundert Einzelfälle bekannt. Das epidemiologische Risiko einer erneuten dauerhaften Etablierung der Malaria wird aber – trotz der gegenwärtigen Klimaerwärmung – infolge der geringen Dichte an dazu notwendigen kompetenten Vektoren als minimal bezeichnet. Die Malaria-Therapie zur Behandlung der progressiven Paralyse im Spätstadium der Syphilis ist seit dem Siegeszug der Antibiotika während des Zweiten Weltkriegs zwar kaum noch von Bedeutung. Die Malaria selbst ist aber weiterhin eine der wichtigsten Tropenkrankheiten. Laut WHO starben 2015 weltweit trotz grosser Anstrengungen und teurer Kampagnen noch immer 440’000 Menschen an der Krankheit – die meisten davon waren Kleinkinder in Afrika.


°Zitat aus: Forel, A. (1903) Hygiene der Nerven und des Geistes im gesunden und kranken Zustande. 1. Auflage. Bibliothek der Volksbildung, I. Serie: Bibliothek der Gesundheitspflege, Band 9: 186–187.

In unseren eigenen Seiten

Forel, A. (1892) Die Nester der Ameisen. Neujahrsblatt der Naturforschenden Gesellschaft auf das Jahr 1893

Weiterführende (auto-)biographische Werke

Alphonse Daudet

– Daudet, A. (2014) La doulou. Editions Lacour. [Faksimile der Originalausgabe. Zentralbibliothek, Freihand 02, HL 55308. Eine deutsche Übersetzung erschien 2003 unter dem Titel «Das Land der Schmerzen»]

Auguste Forel

– Forel, A. (2010) Rückblick auf mein Leben. Verlag Römerhof. [Zentralbibliothek, Freihand 02, HGN 35471]

Julius Wagner

– Whitrow, M. (2001) Julius Wagner-Jauregg. Verlag Facultas. [Zentralbibliothek, Freihand 03, GGN 55987]

Downloads und Links

Nobelpreis-Rede von Julius Wagner

Psychiatrische Universitätsklinik Zürich

Geigy, R. (1945) Malaria in der Schweiz, Acta Tropica

Briegel, H. et al. (2002) Anopheles maculipennis complex in Switzerland, Mitteilungen der Schweizerischen Entomologischen Gesellschaft

Swiss TPH

Swiss Malaria Group

«Mehr Malaria-Fälle in der Schweiz», Radio-Beitrag SRF

«Kleine Mücke, grosse Anstrengungen», Infografik SNF

Lebemann und Erfolgsautor: Alphonse Daudet vor der Offenbarung seines Schicksals. Bild: Deutschlandfunk.
Lebemann und Erfolgsautor: Alphonse Daudet vor der Offenbarung seines Schicksals. Bild: Deutschlandfunk.
Dem Teufel ins Gesicht geschaut und Feuer mit Feuer bekämpft: Julius Wagner Ritter von Jauregg. Bild: Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv.
Dem Teufel ins Gesicht geschaut und Feuer mit Feuer bekämpft: Julius Wagner Ritter von Jauregg. Bild: Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv.
Vom sozialen Leben der Ameise zur Sexualität der Frau: Die wissenschaftlichen Interessen von Auguste Forel waren vielfältig. Bild: Nachlass Auguste Forel, Medizinhistorisches Archiv Zürich.
Vom sozialen Leben der Ameise zur Sexualität der Frau: Die wissenschaftlichen Interessen von Auguste Forel waren vielfältig. Bild: Nachlass Auguste Forel, Medizinhistorisches Archiv Zürich.
Populärwissenschaftlich aufbereitete Rassenhygiene wird zum Verkaufserfolg: Die siebte Auflage von Forels «Hygiene der Nerven und des Geistes» aus dem Jahre 1922. Bild: Stefan Ungricht.
Populärwissenschaftlich aufbereitete Rassenhygiene wird zum Verkaufserfolg: Die siebte Auflage von Forels «Hygiene der Nerven und des Geistes» aus dem Jahre 1922. Bild: Stefan Ungricht.
Lange vor und lange nach den Nationalsozialisten im Deutschen Reich der Ort von Zwangssterilisationen aus eugenischen Gründen: Das «Burghölzli» in Zürich. Bild: Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung.
Lange vor und lange nach den Nationalsozialisten im Deutschen Reich der Ort von Zwangssterilisationen aus eugenischen Gründen: Das «Burghölzli» in Zürich. Bild: Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung.
«Labor omnia vincit»: Staatliche Ehrung für das Lebenswerk des 1931 verstorbenen Auguste Forel – 1971 mit einer Briefmarke und 1978 mit der 1000-Franken-Banknote. Bild: Schweizerische Nationalbank.
«Labor omnia vincit»: Staatliche Ehrung für das Lebenswerk des 1931 verstorbenen Auguste Forel – 1971 mit einer Briefmarke und 1978 mit der 1000-Franken-Banknote. Bild: Schweizerische Nationalbank.
Potentielle Malaria-Vektoren in der Schweiz: Am Ende des Zweiten Weltkriegs... Bild: Rudolf Geigy.
Potentielle Malaria-Vektoren in der Schweiz: Am Ende des Zweiten Weltkriegs... Bild: Rudolf Geigy.
...und auch im Jahre 2000 fanden sich Populationen über die ganze Schweiz verteilt. Bild: Hans Briegel.
...und auch im Jahre 2000 fanden sich Populationen über die ganze Schweiz verteilt. Bild: Hans Briegel.
In Zürich entwickeln sich die aquatischen Larven der Anopheles-Mücken weitgehend unbemerkt von der Bevölkerung: In den Wasserpflanzen-Becken des Botanischen Gartens der Universität gedeihen nicht nur Blumen. Bild: Stefan Ungricht.
In Zürich entwickeln sich die aquatischen Larven der Anopheles-Mücken weitgehend unbemerkt von der Bevölkerung: In den Wasserpflanzen-Becken des Botanischen Gartens der Universität gedeihen nicht nur Blumen. Bild: Stefan Ungricht.
Die Jagd nach Blut beginnt: Eine erwachsene weibliche Anopheles-Mücke taucht aus dem Wasser auf. Bildsequenz: CDC.
Die Jagd nach Blut beginnt: Eine erwachsene weibliche Anopheles-Mücke taucht aus dem Wasser auf. Bildsequenz: CDC.
In den Tropen nicht bloss Lästlinge sondern oft eine tödliche Gefahr für die Bevölkerung: Zwei Malaria-Mücken bei der Paarung (links das Männchen, rechts das Weibchen nach der obligaten Blutmahlzeit). Bild: AAAS.
In den Tropen nicht bloss Lästlinge sondern oft eine tödliche Gefahr für die Bevölkerung: Zwei Malaria-Mücken bei der Paarung (links das Männchen, rechts das Weibchen nach der obligaten Blutmahlzeit). Bild: AAAS.
Im Gegensatz zu Bienen haben Stechmücken keinen Stachel und stechen darum genaugenommen auch nicht – sie beissen: Die Mundwerkzeuge der weiblichen Malaria-Mücke, welche die Plasmodium-Krankheitserreger in ihrem Speichel überträgt. Bild: AAAS.
Im Gegensatz zu Bienen haben Stechmücken keinen Stachel und stechen darum genaugenommen auch nicht – sie beissen: Die Mundwerkzeuge der weiblichen Malaria-Mücke, welche die Plasmodium-Krankheitserreger in ihrem Speichel überträgt. Bild: AAAS.