Einblicke

Der Krieg der Lichenologen: Ein Streit über Wesen, die heimlich heiraten

Stefan Ungricht

Es mag wie eine Frage aus einer Quiz-Show klingen: Womit beschäftigen sich Lichenologen? Doch der Anlass zu diesem «Einblicke»-Beitrag liegt weit zurück in der Vergangenheit. Heuer jährt sich nämlich zum 150-sten Mal der Ausbruch einer denkwürdigen Gelehrtenfehde, und es bietet sich dadurch en passant die willkommene Gelegenheit, eines bedeutenden Lichenologen zu gedenken—eines Bauernsohns aus der Ostschweiz, der sich einen Doktorhut in Zürich verdiente, bevor er dann einen langjährigen Streit auslöste zur Frage «Was sind denn nun eigentlich Lichen überhaupt?»

Tatort: Die Jahrestagung der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft 1867 im aargauischen Rheinfelden. Als erster Redner in der botanischen Sektion der Tagung wird vom Zürcher Professor Oswald Heer sein ehemaliger Doktorand Simon Schwendener aufgerufen. Was dieser acht Uhr morgens der versammelten, wohl noch etwas schläfrigen Forscherschar zu berichten hatte, sollte die Welt der Botanik nachhaltig verändern.

Über hundert Jahre zuvor hatte Carl Linnaeus 1735 als nicht gerade bescheidener 28-Jähriger unter dem Titel «Systema Naturae» eine umfassende Systematik aller Pflanzen, Tiere und Mineralien veröffentlicht. Blütenlose Pflanzen werden darin aufgrund ihres verborgenen Geschlechtslebens als Kryptogamen (gr. kryptos, heimlich; gamein, heiraten) bezeichnet. Die in dieser Gruppe angesiedelten Flechten wurden von Linnaeus kurzerhand in eine einzige Gattung zusammengefasst: Lichen. Dass er den Flechten nicht viel abgewinnen konnte, geht auch aus seiner kurzen Beschreibung der Gattung hervor: «Armseliges Pöbelvolk der Vegetation».

Eine vernachlässigte Disziplin

Lichenologie ist also die Flechtenkunde. Flechten sind eigenartig und Flechten sind artenreich. Weit über 10’000 verschiedene Flechten wurden bis heute weltweit beschrieben, deutlich mehr Arten als etwa in der ebenfalls sehr grossen und etwas unscheinbaren Blütenpflanzengruppe der Gräser. Doch während die Gräser von überragender Bedeutung für die Ernährung der Menschheit sind, ist die wirtschaftliche Bedeutung der Flechten eher bescheiden: Isländisch Moos, eine auch in der Schweiz verbreitete Strauchflechte, ist Ausgangspunkt für einen bitteren Hustentee und alle eingefleischten Modelleisenbahner schwören auf Flechten als aparte Landschaftsgestaltungselemente für ihre Anlagen.

Die langsamwachsenden, langlebigen Flechten sind allgegenwärtig. Man findet sie von der Arktis bis in die Antarktis—auch dort, wo keine Blütenpflanzen mehr existieren können, so etwa auf den Gipfeln der höchsten Berge. Das Rezept der Überlebenskünstler ist dabei denkbar einfach: Bei Stress abschalten. Die Flechten können Trocken- bzw. Kältephasen also quasi als Scheintote überdauern. Es wird behauptet, dass nicht weniger als 6% der Landfläche unserer Erde von Flechten bedeckt sind. Flechtenkundler—die besagten Lichenologen—bilden eine kleine, eingeschworene Splittergruppe der Botaniker, von welcher man eher selten etwas in der Öffentlichkeit vernimmt. In der Schweiz haben sich die Flechtenspezialisten mit den Fachleuten der ebenfalls eher etwas vernachlässigten Moosen—den Bryologen—zu einer gemeinsamen Fachgesellschaft zusammengetan, der «Bryolich».

Als nun im vergangenen Sommer eine Flechte als Titelbild auf einer Ausgabe des wissenschaftlichen Leitmediums «Science» prangte, deutete sich an, dass wohl soeben eine grundlegende Entdeckung auf diesem Gebiet gemacht worden sein musste. Wie die Autoren des Fachartikels schreiben, können Flechten aus drei höchst unterschiedlichen Organismen zusammengesetzt sein: einem Ascomycetenpilz, einer photosynthetischen Alge und einem basidiomycetischen Hefepilz. Eine derartige Wohngemeinschaft von Organismen zum gegenseitigen Vorteil aller Beteiligter wird in der Biologie gemeinhin Symbiose oder auch Mutualismus genannt.

Der Lauf der Wissenschaft

Vor nunmehr 150 Jahren war es Simon Schwendener gewesen, welcher als erster die Theorie eines dualen Organismus äusserte, nämlich eben dass Flechten aus zwei völlig unterschiedlichen Komponenten bestehen, einem Pilz, der für die physische Struktur der Flechte zuständig ist, Wasser und mineralische Nährstoffe liefert, sowie einer Alge, die darin die Photosynthese betreibt und so für die nötige organische Nahrung sorgt. Sie werden es ahnen—Schwendener erhielt nachdem er diese Hypothese an der Tagung in Rheinfelden erstmals vor einem Fachpublikum öffentlich äusserte nicht nur ungeteilten Beifall der damaligen Kollegen. Tatsächlich formierte sich vielmehr schon bald eine internationale Phalanx von Skeptikern: Crombie in England, Müller Argoviensis in der Schweiz, Fries in Schweden, Nylander in Finnland sowie von Krempelhuber und Körber in Deutschland. Diese Gegner waren einflussreich und ihr Kampf sollte zum Teil Jahrzehnte dauern.

Geboren 1829 auf einem Bauernhof in Buchs im Kanton St. Gallen, kam Simon Schwendener 1853 an die Universität Zürich. Er studierte unter Oswald Heer (siehe «Einblicke» vom 01.04.2014) und promovierte 1856 bei diesem über ein pflanzenphänologisches Thema. Danach arbeitete er für Carl Wilhelm Nägeli am neugegründeten Polytechnikum, der heutigen ETH, insbesondere zu pflanzenanatomischen Fragen. Im Wintersemester 1857 sollte Schwendener an der Universität Zürich einen Kurs «Über Flechten, verbunden mit mikroskopischen Demonstrationen» halten. Aber als Nägeli im Sommer nach München berufen wurde, folgte ihm Schwendener als Assistent und beendet dort 1860 seine Habilitationsarbeit über Flechten. Seine erste Veröffentlichung zu diesem Thema erfolgte noch im selben Jahr in der Vierteljahrsschrift unserer Gesellschaft. Zudem publizierte er zusammen mit Nägeli das zwei-bändige Lehrbuch «Das Mikroskop». Im Jahre 1867 wurde dann Schwendener als ordentlicher Professor nach Basel berufen. Insgesamt veröffentlichte er in der ersten Phase seiner akademischen Laufbahn, die hauptsächlich den Flechten gewidmet war lediglich elf Arbeiten, aber seine Entdeckung der Assoziation zwischen Pilz und Alge in der Ausbildung des Flechtenthallus war von fundamentaler Bedeutung und seine Hypothese der Flechte als duale Lebensform setzte sich schliesslich im 20. Jahrhundert endgültig als Lehrmeinung durch, obgleich ein bekannter Pflanzenphysiologe die Flechtensymbiose noch 1931 auf den selben wissenschaftlichen Rang stellte wie die Phlogiston-Theorie der Chemie.

Der Bauernsohn liess sich zeitlebens durch keinen Widerstand beirren und gilt nun heute als ein Begründer der funktionellen Histologie. Weitere Stationen seiner Karriere waren Tübingen und Berlin, wo er schliesslich 1910, bereits über 80-jährig, von seinen letzten akademischen Ämtern zurücktrat und 1919 beinahe taub als vereinsamter Junggeselle starb. Auf sein Forscherleben zurückblickend, schrieb er am Schluss einer kurzen autobiographischen Skizze nüchtern: «Im Kampfe um wissenschaftliche Dinge bin ich alt geworden—aber in diesem Kampfe habe ich auch Erfolge gehabt.» Eine anfängliche Skepsis der Kollegen ist bei wissenschaftlichen Umbrüchen selbstverständlich. Und so wiederholt sich heute scheinbar die Geschichte. Die letztjährigen Entdecker der von ihnen erstmals beschriebenen Hefe-Assoziation müssen erst noch den Nachweis erbringen, dass diese dritte Komponente auch wirklich ein symbiotischer Partner im Haushalt der Flechte darstellt—bevor dann auch ihre These vielleicht einmal von allen Fachleuten akzeptiert werden wird.

Postskriptum

Im Jahr als Simon Schwendener in Berlin starb, feierte ein gewisser Eugen A. Thomas in Zürich seinen siebten Geburtstag. Von 1960 bis 1981 sollte dieser dann für die NGZH die Redaktion unserer Vierteljahrsschrift leiten—aber zuvor war ihm 1939 als erstem Wissenschaftler eine zweifelsfrei bestätigte experimentelle Flechtensynthese aus Pilz und Alge gelungen.


In unseren eigenen Seiten

Schwendener, S. (1860) Ueber den Bau und das Wachsthum des Flechtenthallus. Vierteljahrsschrift der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich, 5(3): 272–296.

Weiterführende Informationen

– Ainsworth, G. C. 1976. Introduction to the history of mycology. Cambridge University Press. 359 Seiten.

– Honnegger, R. 2000. Simon Schwendener (1829–1919) and the dual hypothesis of lichens. The Bryologist, 103: 307–313.

– Mägdefrau, K. 1992. Geschichte der Botanik: Leben und Leistungen grosser Forscher. 2. Auflage. Gustav Fischer Verlag. 359 Seiten.

– Thomas, E. A. 1939. Ueber die Biologie von Flechtenbildnern. Beiträge zur Kryptogamenflora der Schweiz, 9: 1–208, 6 Tafeln.

– Zimmermann, A. 1922. Simon Schwendener. Berichte der Deutschen Botanischen Gesellschaft, 40: (53)–(76) [Autobiographische Skizze von S. Schwendener (54)–(59)].

Downloads und Links

Dissertation von 1856

Vortragsprotokoll von 1867

Webseite der «Bryolich»

Fachartikel in «Science»

Hintergrundbericht in «The Atlantic»

Kurz und bündig: Der Schweizer Botaniker Simon Schwendener verfasste in seiner akademischen Laufbahn lediglich elf lichenologische Publikationen, löste damit aber eine Jahrzehnte dauernde Kontroverse aus. Bild: Wikimedia Commons.
Kurz und bündig: Der Schweizer Botaniker Simon Schwendener verfasste in seiner akademischen Laufbahn lediglich elf lichenologische Publikationen, löste damit aber eine Jahrzehnte dauernde Kontroverse aus. Bild: Wikimedia Commons.
Viel Feind, viel Ehr': Die finnische Koryphäe William Nylander nannte die neue Hypothese in gelehrtem Latein eine «Stultitia Schwenderiana»—eine Schwendenerische Torheit. Bild: Wikimedia Commons.
Viel Feind, viel Ehr': Die finnische Koryphäe William Nylander nannte die neue Hypothese in gelehrtem Latein eine «Stultitia Schwenderiana»—eine Schwendenerische Torheit. Bild: Wikimedia Commons.
Schwendeners Nemesis: Der deutsche Lichenologe Gustav Wilhelm Körber verfasste eine legendäre dreissigseitige Schmähschrift zu Schwendeners Theorie. Bild: Wikimedia Commons.
Schwendeners Nemesis: Der deutsche Lichenologe Gustav Wilhelm Körber verfasste eine legendäre dreissigseitige Schmähschrift zu Schwendeners Theorie. Bild: Wikimedia Commons.
Etwas struppig und ziemlich bitter: Isländisch Moos ist kein Moos, sondern eine Flechte, die in der traditionellen Medizin Verwendung findet. Bild: Köhler's Medizinal-Pflanzen (1887).
Etwas struppig und ziemlich bitter: Isländisch Moos ist kein Moos, sondern eine Flechte, die in der traditionellen Medizin Verwendung findet. Bild: Köhler's Medizinal-Pflanzen (1887).
Für das Kind im Manne: Strauchflechten sind filigrane Gestaltungsmittel im fortgeschrittenen Modelleisenbahnbau. Bild: Model Railroader.
Für das Kind im Manne: Strauchflechten sind filigrane Gestaltungsmittel im fortgeschrittenen Modelleisenbahnbau. Bild: Model Railroader.
Erneut eine Schlagzeile in der Welt der Naturwissenschaften: Im Sommer 2016 wird in «Science» von der Beobachtung einer «Ménage à trois»-Symbiose bei Flechten berichtet. Bild: Timothy B. Wheeler, AAAS.
Erneut eine Schlagzeile in der Welt der Naturwissenschaften: Im Sommer 2016 wird in «Science» von der Beobachtung einer «Ménage à trois»-Symbiose bei Flechten berichtet. Bild: Timothy B. Wheeler, AAAS.