Umschlag: Dieser Ausschnitt aus dem «Pennsylvania Dutch Country» im York County, Pennsylvania, an der Grenze zwischen dem Great Valley und dem Piedmont gelegen, zeigt auf der einen Seite das typische, ungeregelte Landnutzungsmuster der alten Kolonialgebiete, im britischen Bereich, während in den faszinierenden Streifenmustern das moderne contour farming landschaftlichen Ausdruck findet. (Weizen - Kunstfutter) Oberer Bildrand ist Norden. ca, W76°45',N40°00' German only |
Inhaltsverzeichnis
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1. Allgemeiner Teil
a) Die Landschaft
Die Landschaft ist der Gegenstand geographischer Forschung.
Darüber besteht, wie ein Überblick über die neuere methodologische,
geographische Literatur zeigt, kaum eine Verschiedenheit der Auffassungen.
Diese tritt erst in Erscheinung, wenn das Objekt geographischer Untersuchung
näher definiert (geographischer Landschaftsbegriff) und eine wissenschaftliche
Terminologie aufgestellt werden soll. Dass dabei anscheinende oder wirkliche,
tiefgreifende Unterschiede zwischen den einzelnen Bearbeitern auftreten,
ist keineswegs erstaunlich.
Einmal befindet sich die Geographie als charakteristische
Realwissenschaft in einer durchaus andern Situation als beispielsweise
die Mathematik, welche die Objekte ihrer Forschung von allem Anfang an
eindeutig definieren kann.
5. Die charakteristische Schachbrettstruktur der modernen amerikanischen
Kulturlandschaft
Im Gegensatz zu den vielfältigen Strukturtypen,
welche wir in den verschiedenen Kolonisationsräumen fanden, weisen
die seit 1785 durch die Freigabe von public lands neu erschlossenen Gebiete
einen im wesentlichen einheitlichen Strukturtyp von charakteristischem
Schachbrettmuster auf.
In einem in Harpers Magazine 1950 erschienenen populären
Artikel «The U.S.A. from the Air» beschreibt W. Langewiesche
diese Landschaft wie folgt: «Ich freue mich immer, wenn ich sehe,
wie der Osten in den Westen übergeht. Ich freue mich auf jenen Moment
auf der New York-Pittsburgh St. Louis-Route, wenn man die letzten Ketten
der Alleghenies hinter sich lässt... Gleich wird man nun in der Tiefe
die ,section lines erblicken. Das ist nun wirklich eine der merkwürdigsten
Erscheinungen auf der Erde, und man kann sie nur aus der Luft richtig erfassen:
Ein ganzes Land als mathematisches Koordinatennetz ausgelegt; exakt, geradlinig
begrenzt, längs langen Linien ausgerichtet, welche genau - und ich
meine wirklich genau - Nord-Süd oder Ost-West verlaufen. Alle Strassen
mit Ausnahme der grossen Überlandstrassen verlaufen längs diesen
Koordinaten. Das ganze Land sieht aus wie ein riesiges Siedlungsunternehmen,
was es in Tat und Wahrheit auch ist... Zum Fliegen sind die section lines
herrlich. Sie machen das Land wirklich so, wie sich ein Pilot ein Land
wünscht: Koordinatenpapier! Man kann seinen Schatten mit der Stoppuhr
von Linie zu Linie messen und die Geschwindigkeit berechnen. Wenn Du genau
nach Westen fliegen willst, hast Du nichts anderes zu tun, als einen Zaun
zu wählen und ihm entlang zu fliegen. Im nächsten Moment wird
der Zaun durch eine Strasse abgelöst; bald zweigt diese ab, aber ihre
Richtung wird sich in einem andern Zaun fortsetzen. Diesem folgt ein Flurweg,
die Hauptstrasse eines Dorfes und wieder eine Überlandstrasse..
Eine Voraussetzung dieser so charakteristischen Landschaft,
die bei uns oft als d i e typische amerikanische Landschaft bezeichnet
wird, bildet die schon früher erwähnte Land Ordinance von 1785.
Hauptziel dieser Land Ordinance, an deren Ausarbeitung Thomas Jefferson
entscheidenden Anteil hatte, war, durch eine planmässige Landvermessung
die notwendigen Voraussetzungen für eine geregelte Abgabe der neu
erworbenen Ländereien zu schaffen. In diesem Gesetz vom 20. Mai 1785,
welches stark von den Erfahrungen der Landverleihungen in New England beeinflusst
war, wurde festgelegt, dass das Land in quadratische townships von je 36
Quadratmeilen, welche Nord-Süd und Ost-West orientiert sind, aufgeteilt
werden solle. Das System der Landvermessung wurde in der Folge mehrfach
verbessert, aber prinzipiell nicht mehr geändert. 1812 wurde das General
Land Office geschaffen, dem bis heute die Aufgabe obliegt, nach den Anweisungen
des Departementes des Innern die Vermessung und den Verkauf der public
lands durchzuführen.
Die Landvermessung besteht in folgenden Aufgaben: Festlegung
von Ausgangsmeridianen und Standard-Parallelkreisen, Einmessen von quadratischen
townships von je 6 Meilen Seitenlänge (1 Meile ist 1,609 km), Einteilung
der townships in quadratische sections von einer Meile Seitenlänge.
Sections und townships sind nach einem bestimmten System numeriert, so
dass ihre Lage sich eindeutig aus dieser Bezeichnung ergibt. Die vier Ecken
jeder section werden im Gelände markiert. Die Originalgrundbuchpläne
sind in Washington D.C. aufbewahrt und erstrecken sich heute fast auf das
ganze Gebiet der public lands. Zusammen mit der kartographischen Darstellung
erfolgte eine erste Landklassifikation, welche Topographie, Böden,
Wald, Bodenschätze, Wasserverhältnisse, Siedlungen und Industrie
berücksichtigt. Ausserdem ergibt sich aus diesen Akten, zu welchem
Zeitpunkte und an wen der erste Besitztitel ausgehändigt wurde.
Blieben die seinerzeit festgelegten Grundsätze der
Grundbuchvermessung bis heute praktisch unverändert, so ist dasselbe
von den Normen, nach welchen die public lands verteilt wurden, nicht zu
sagen. Im Gegenteil, die Richtlinien waren bis heute einem ständigen
und für die Kulturlandschaftsentwicklung entscheidenden Wechsel unterworfen.
Während ursprünglich die Absicht bestand, die
public lands zu einem möglichst günstigen Preise zu verkaufen,
um damit die Schulden der Revolutionskriege zu bezahlen, änderten
sich seit 1862 die Bedingungen grundlegend. In diesem Jahre nahm der Kongress
die sogenannte Homestead Act an, welche jedem Siedler unter gewissen Voraussetzungen
und Auflagen die kostenlose Landaufnahme im Umfange einer quarter-section
von 160 acres (64,8 ha) ermöglichte. ...
........
Einen letzten, hier noch zu erwähnenden Typ mit
in sich sehr vielfältig abgewandelter Struktur, lernen wir schliesslich
noch in den ausgedehnten Bewässerungsgebieten des Westens kennen.
Eine eingehende Besprechung würde hier zu weit führen. Auf einzelne
Probleme, welche sich im Zusammenhange mit der Landvergebung ergaben, wurde
schon weiter oben hingewiesen. Ein anderes Problem warfen die rechtlichen
Fragen auf, indem sich die im feuchten Osten entwickelten und sich auf
das ähnliche Verhältnisse aufweisende englische Mutterland stützenden
Rechtsauffassungen des common-law im Westen nur schwer anwenden liessen.
Die Prioritätsfrage bei der Wasserverwendung, die Anlass zu ungezählten
Streitfällen bildete, war bis in die neueste Zeit im Westen der Vereinigten
Staaten immer wieder umstritten. Dies sollte als Gegensatz zum spanischen
Kolonisationsraum im Auge behalten werden; die Spanier waren mit semiariden
Verhältnissen von Hause aus vertraut und vermochten auch in dieser
Beziehung zweckmässigere Lösungen zu treffen.
Ein eingehender Überblick über die Kulturlandschaftsstruktur
in Bewässerungsgebieten würde uns vor allem zeigen, wie die soziale
Struktur und die sozialpolitischen Auffassungen im Vereine mit der Produktionsrichtung
das Bild der Landschaft bestimmen, während die natürlichen Voraussetzungen
die Abgrenzung der Bewässerungskulturen gegen das nichtbewässerte
Land und damit die landschaftliche Großstruktur festlegen. Von den
primitiven indianischen Bewässerungskulturen der Pueblos New Mexicos,
die der Selbstversorgung dienen, über die mormonischen Gruppensiedlungen
und Bewässerungsunternehmen im Grossen Becken ist es ein weiter Schritt
bis zu den gewaltigen Staudämmen, Kanälen und Bewässerungsarealen
des zwanzigsten Jahrhunderts, die im Südwesten, in Kalifornien und
im Nordwesten die Zentren der Agrarwirtschaft des trockenen Westens bilden.
Ob die grossflächig angelegte, durch einheitliche Kulturen gekennzeichnete,
oder die in kleine Parzellen und die verschiedenartigsten Nutzungsflächen
aufgegliederte Bewässerungslandschaft angetroffen wird, hängt
weitgehend von der Art des Unternehmens (privat, staatlich) und bei den
staatlichen Projekten von den verfolgten Siedlungsabsichten ab.
........
Schlussbemerkung
Die wirtschaftliche Zuordnung des Westens war sowohl auf dem Sektor
der landwirtschaftlichen wie der industriellen Produktion bis in die neueste
Zeit dezidiert nach dem Osten gerichtet. Das zeigt das klassische Beispiel
der kalifornischen Früchteproduktion, wo durch Trocknen, Konservieren,
Tiefkühlen oder Umwandlung in Säfte die ursprünglichen Produkte
erst transportfähig gemacht werden müssen. Grosse Produzentenorganisationen
sorgen für eine Standardisierung der Erzeugnisse und für den
Absatz. In der Montanindustrie herrschen ausgesprochene Sekundärmetalle
wie Kupfer, Molybdän und andere vor, obwohl die rohstoffmässigen
Voraussetzungen für Basisindustrien durchaus gegeben wären. Die
zunehmende Verdichtung der Bevölkerung und vor allem die rapide Entwicklung
der kalifornischen Städte schaffen aber auch hier immer rascher eine
grundlegende Veränderung der bestehenden Situation, die durch die
Existenz grosser und differenzierter lokaler Konsumzentren für agrarische
und industrielle Produkte gekennzeichnet wird.
Wenn wir abschliessend nochmals die Vereinigten Staaten und Europa
vergleichend betrachten, kommen wir mit Bezug auf die Organisation des
Wirtschaftsraumes zu folgender, knapp gefasster Antithese: In Europa schritt
im Laufe der Jahrhunderte die Entwicklung langsam aber kontinuierlich von
kleinsten und kleinen zu immer grösseren Funktionalräumen; das
Problem bestand immer in der Überwindung der kleinräumigen Bindungen
und heute in erster Linie in der Erreichung einer durch die Zeit geforderten
kontinentalen Arbeitsteilung. In den Vereinigten Staaten bestand dagegen
praktisch vom Beginn der Unabhängigkeit an eine grosszügige kontinentale
Aufgliederung in einzelne nach ihren Funktionen verschiedene Wirtschaftsräume,
wobei erst die neuere Entwicklung als Folge zunehmender Bevölkerungsverdichtung
und Entstehung neuer städtischer Zentren zu einer Aufgliederung führt.
In gewissem Sinne verläuft damit die Entwicklung gerade in entgegengesetzter
Richtung wie in Europa. Während sich jedoch bei uns die Schwierigkeit
des Überganges zu einer Organisationsstufe höherer Ordnung aus
der historisch bedingten Individualität der bestehenden Einzelräume
ergibt, dürfte die schon bestehende Standardisierung im Falle der
Vereinigten Staaten wohl bei der zunehmenden Bildung kleinerer Wirtschaftsräume
beibehalten werden.