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Das Alter darf selbst in eine wissenschaftliche Betrachtung hinein gelegentlich
etwas Persönliches mischen (Albert Heim 1849-1937). Mögen
meine Leser es entschuldigen, wenn ich von diesem Vorrechte in dem Nachfolgenden
bescheidenen Gebrauch mache.
Meine Jugend fiel noch in die Zeit vor dem Erwachen des Bergsportes.
Im Jahre 1858 machte uns unser vortreffliche Lehrer der 4. Klasse, R. Weiss
zuerst vom Hottinger Schulstubenfenster aus auf den merkwürdigen,
dunkelschattigen Bergklotz aufmerksam, der hinter einem langen, flachen
Bergrücken aufgebaut, allen übrigen höheren Bergketten weit
vorgelagert schien, welcher Mythen oder Schwyzerhaggen heisse, und an dessen
SW-Fuss der Flecken Schwyz liege. Es war im ersten Unterricht in Schweizergeographie.
Bald hatte ich das Glück, den Berg in der Nähe zu sehen, aber
an eine Ersteigung konnte damals noch kein gewöhnlicher Sterblicher
denken. Im Jahre 1865, da eben ein Weg erstellt worden war, war ich zum
ersten Mal auf der grossen Mythe. Im Jahre 1866 zeichnete ich die Rundsicht
von ihrem Gipfel. Ich war noch Kantonsschüler. Und wenn
ich jetzt wieder die Mythen nahe vor mir sehe, klingt mir ein Vers aus
einem schönen alten Studentenlied durch die Seele: "Flur, wo wir als
Knaben spielten, Ahnung künft'ger Taten fühlten, goldner Traum
der Jugendjahre, kehr noch einmal uns zurück!" Und mich erfüllt
Freude, denn die "Ahnung" hat mich nicht getäuscht. Die "künft'gen
Taten" sind, mehr als ich hoffen durfte, zur Wahrheit geworden, indem das
mir damals in schwärmerischem Sinnen vorschwebende Ideal, den Hauptteil
meines Lebens der Erforschung und Darstellung der Berge widmen zu können,
sich erfüllt hat. Nun stehe ich vor dem Abschluss dieser bescheidenen
"Taten", wenn ich eine kleine Darstellung eben dieser Mythen als mein siebentes
und wohl mein letztes Neujahrsblatt der Zürcher Naturforschenden Gesellschaft
widme, in inniger, herzlicher Dankbarkeit für alle Belehrungen und
Anregungen und alle Hülfe und Freude, die mir seit 53 Jahren aus diesem
mir so lieb gewordenen Kreise gegeben worden sind.
1. Landschaft und Leben.
Von fast allen ausserhalb der Alpen liegenden Aussichtspunkten der
östlichen Schweiz, vom Jura, Ütliberg, Zürichberg, Irchel,
Bachtel und zahlreichen anderen, bis hinaus ins Höhgau, sieht man
je nach dem Standort 1 bis 3 in der Basis zusammenhängende, als Gruppe
überraschend selbstständig geformte Felszähne vor den Hauptgebirgsketten
der Alpen hinter sanft welligen Bergrücken emporragend. Wenn die Hauptketten
der Alpen durch dunkle Regenwolken verhüllt sind, heben sich oft auf
dem Wolkenvorhang die trotzigen Zacken unvermittelt wie ein schwarzer Schattenriss
ab. Ganz anders ist der Anblick bei heller Witterung aus den näher
umliegenden Tälern. Der grösste und höchste der Felszähne,
die grosse Mythe, zeigt sich dann als eine prachtvoll geformte, drei bis
fünfkantige Pyramide aus leuchtend hellem blaugrauem Kalkstein mit
pfirsichblüterotem Gipfelteil. Die zwei Zacken der kleinen Mythen
bestehen aus dem gleichen hellgrauen Kalkstein ohne roten Aufsatz.
Wunderbar flechten sich grüne Rasenbänder in das Grau und Rot
und dunkle Tannen klettern in die Felsfugen hinauf. Um den Fuss der
Felswände bei 1200 bis 1400 m Höhe legt sich jene Zone, wo Schutthalden
und Wald miteinander den Kampf ums Dasein führen. Tiefer hinab
erstreckt sich das schöne Gewebe von Wald und Wiese mit eingestreuten
Ställen und Wohnstätten, und am Fuss lagert sich der Flecken
Schwyz mit seinen herrlichen Häusern und Gärten und seinen grossen
historischen Erinnerungen. Es ist eines der ergreifendsten Landschaftsbilder
der Schweiz (Fig. 1).
Anmerkung: Die beigegebenen Bilder Fig. 1, 2, 3, 5, 7,
10 u. 13 sind Abdrücke der Zinkklischees aus Alb. Heim Geologie der
Schweiz«, deren Benutzung an diesem Orte der Verleger C h r. H e
r m. T a u c h n i t z, L e i p z i g, gütigst gestattet hat. Alle
sind durch photographische Übertragungen von Federzeichnungen des
Verfassers hergestellt worden. Sie ersetzen allerdings eine ganz
gute Photographie im Gesamteindruck nicht, sie übertreffen aber eine
solche dadurch, dass sie nichts in dunklem Schatten verbergen. Der
Verfasser hat hier absichtlich nicht ein künstlerisch schönes
Bild angestrebt, sondern eine rein wissenschaftliche Zeichnungsart befolgt,
die die Formen von jeder Täuschung durch bloss vorübergehende
Beleuchtung von Augenblick und Stimmung befreit. Jede Linie soll Form zeichnen,
keine bloss einem Beleuchtungseffekte dienen. es ist diejenige Zeichnungsart,
welche ich schon seit meinem ersten Gebirgspanorama 1866 gesucht habe.
Die objektive Wahrheit ist ihr einziges Ziel. Die Figuren 4, 6, 5,
9,11 u. 12 habe ich für dieses Neujahrsblatt neu gezeichnet. Sie enthalten
neue Beobachtungen, welche mir besonders am 2. XI. 1920 durch eine ungewöhnlich
günstige Beleuchtung diffuses Licht bei hoher, ganz
geschlossener Wolkenschicht möglich geworden sind. Sie
ergänzen dadurch die älteren Klischees, in denen diese Beobachtungen
noch nicht verwertet werden konnten.
1919 ist, herausgegeben von der "Section Mythen des S.
A. C." ein reich mit Bildern geschmücktes Büchlein erschienen:
Dr. med. Hugo Müller (Wohlen) "Die Mythen", Druckerei Caspar Trinen,
Schwyz. Dasselbe dient vorwiegend dem Bergsport, enthält aber
auch in anderen Richtungen (historisch, wirtschaftlich, botanisch, zoologisch
etc.) viele interessante Notizen und Beiträge von Mitarbeitern, die
auch hier oftmals benützt worden sind.
Der Name. Der ganze Gebirgszug von der Ibergeregg bis
an den Sattel führte stets den Namen Haggenberge; die daraus scharf
sich hervorhebenden Felsstöcke hiessen wohl ursprünglich die
Haggen, später die Miten, welches Wort aber, altmodisch und etwas
mystisch für langes i mit y, und überdies mit th, M y t h en,
geschrieben wurde. Die Herleitung des Namens wird verschieden gegeben.
Ich habe mich an mehrere Philologen um Auskunft gewendet. Trotz allerlei
Differenzen in der Art der Ableitung stimmen sie alle darin überein,
dass das Wort in letzter Linie von dem altindogermanischen Stamme Mii,
später Meta herrühre, der jede kegelförmige oder pyramidale
Figur bezeichne, und in Variationen in vielen Sprachen mit ähnlicher
Bedeutung erhalten ist. Indisch heisst mii hervorragend, römisch
bezeichnet Meta oder mii ein spitzes Ziel, einen als Ziel gestreckten Pfahl,
rhätisch-keltisch einen Heutristen mit Pfosten etc. Ich möchte
denken, die Miten verdanken eher ihren Namen direkt ihrer Form als etwa
den Heutristen auf der Mitenmatt. Die historisch richtige Schreibweise
soll Miten sein. Mithen schreibt der Siegfriedatlas. Wenn man aber die
Lokalnamen was wohl das praktisch wie theoretisch richtigste wäre,
phonetisch schreibt, so wie sie in der betreffenden Gegend ausgesprochen
werden, so müssten wir Mite schreiben.
Indessen es gibt auch noch andere Interessen. Der
Schreibgebrauch Mythe ist eingewurzelt. Er findet sich so in allen,
auch sehr alten, Rats- und Gerichtsprotokollen, er wird so in allen Schulen
des Kantons Schwyz gelehrt. Hat eine solche Gewohnheit nicht auch durch
ihr langes Leben sich ein Recht des Daseins erworben? Kann sie nicht eine
Art Heimatschutz beanspruchen? Die "Mythengesellschaft" hat den Weg
zum Gipfel gebaut, die "Section Mythen des Schweizer Alpen Club" unterhält
das Werk. Der Regierungsrat von Schwyz, der Vorstand der "Section Mythen"
wünschen dringlich, "beim altehrwürdigen" zu bleiben, dem auch
etwas mythenhafte Poesie eigen sein darf. Ich füge mich!
Das Wort Mythe wurde, wie es übrigens auch seiner
Abstammung von Meta entspricht, noch bis etwa 1870 immer w e i b l i c
h gebraucht, Einzahl: die Mythe, Mehrzahl: die Mythen - "die grosse Mythe"
weil es nur ein, "die kleinen Mythen" weil es zwei Gipfel sind. Erst
vor etwa 50 Jahren, wahrscheinlich aus einem unbewussten Entgegenkommen
auf die falsche Annahme der Ortsfremden, die doch besser deutsch
können". wurden die Mythen männlichen Wortgeschlechtes, und manche
Karten und Lexica leisteten dem Irrtum Vorschub. Selbst in Schwyz
hat der Name sein Geschlecht gewechselt. In meinem Ohr ist noch lebhaft
das Empfinden von vor 1870: D i e grosse Mythe (verglichen auch Titel auf
meinem Mythenpanorama von 1867).
Wir halten uns hier an das Ursprüngliche und an
die Schreibweise von 1600-1880: Einzahl die Mythe (die grosse Mythe), Mehrzahl
die Mythen (die kleinen Mythen und die Mythen überhaupt). Dies
konnte bei den älteren Zinkklischees nicht mehr konsequent durchgeführt
werden.
Die Bergfreude hatte wohl schon in manchen Herzen selbständige
Wurzel geschlagen, bevor sie zum bewussten Sport geworden ist. Jäger,
Sennen, Wildheuer haben schon vor Jahrzehnten und Jahrhunderten manchen
Gipfel bestiegen, ohne dass sich davon bestimmte Nachricht erhalten hätte.
Bei so herrlichen, gewaltig überragenden Gestalten, wie die Mythen,
umgeben von einer ziemlich dicht bewohnten und bewirtschafteten Landschaft,
ist es sehr wahrscheinlich, dass einzelne Besteigungen schon früh
stattgefunden haben. Die erste Besteigung der grossen Mythe, welche
die Ueberlieferung kennt, soll in Ausführung eines vom Gerichte verhängten
Gottesurteils einem vermeintlichen Verbrecher gelungen sein. ....
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Original: Federzeichnungen von Albert Heim. Das Druckoriginal ist zirka 21 cm breit. Um eine Lesbarkeit trotz der Verkleinerung zu erhalten, wurde die Zeichnung eingefärbt. Das Alter der Schichten im Vordergrund wurde der "Geologie der Schweiz" 1921, Band IIa entnommen. Grosse Mythe: E8°41'22.5",N47°1'52.1", 1902 müM Die obere Zeichnung entspricht etwa der Ansicht vom Furgellenstock, die untere von Beckenried aus. |